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andré puchta
 
 
 

Wie ich meine Heimatgemeinde umbenennen ließ:

Bei den Bayerischen Kommunalwahlen am 3. März 2002 kandidierte ich im Alter von 18 Jahren für den Rat meiner Heimatgemeinde und erzielte das fünftbeste Stimmenergebnis von insgesamt 84 Kandidat*innen (1.068 gültige Stimmen von 1.302 Wahlberechtigten). Ich rückte von Listenplatz zehn auf Rang vier vor.

Im November 2003 übernahm ich das Ehrenamt des Tourismusvorsitzenden (bis Februar 2011) mit dem Ziel, frischen Wind in die doch angestaubten Vorstellungen moderner Vermarktung zu bringen. Mir wurde schnell klar, das dies eine Herkulesaufgabe werden dürfte. Mit damals 19 Jahren war ich nur halb so alt wie mein Stellvertreter, geschweige 'der Kassierer' mit etwas über Fünfzig.

 
 

Foto: Frankenpost vom 9. Mai 2005

 
 

682 Jahre nach deren erster urkundlicher Erwähnung beabsichtigte ich im März 2005, im Gemeinderat vorzusprechen, um meiner Heimatgemeinde einen neuen Namen zu verpassen, da der bisherige regelmäßig zu Verwechslungen führte und keine Alleinstellung bewirkte.

Nach der Gemeindeordnung für den Freistaat Bayern kann die Rechtsaufsichtsbehörde den Namen wegen eines öffentlichen Bedürfnisses nach Anhörung des Rates und der Bürger*innen ändern. Was für eine Herausforderung.

Das Ortsverzeichnis der Deutschen Post umfasste damals mehr als 40 Städte und Gemeinden namens Zell. Rechnete man darüber hinaus Ortsteile dazu, die ebenfalls den einsilbigen Namen tragen, gab es mehr als 100 Treffer zu durchforsten. Der Gemeinderat befasste sich erstmals am 29. April 2005 mit meiner Bitte und lehnte eine offizielle Namenserweiterung einstimmig ab. Das saß!

Der Spaß begann: Ab diesem Zeitpunkt argumentierte ich anderthalb Jahre vehement für ein 'förmliches Namensergänzungsverfahren', wie es im ermüdenden Amtsdeutsch treffend heißt. Ich sprach mit dem Leiter der Kommunalaufsicht im zuständigen Landratsamt. Dieser veranlasste, alle Ausgaben des Bayerischen Staatsanzeigers auf eventuelle Vorfälle zu überprüfen.

 
 

Foto: Frankenpost vom 3.November 2006

 
 

Als Nächstes knüpfte ich Kontakt zur Verwaltungsgemeinschaft Steinkirchen nahe München und zur Gemeinde Inning am Holz, welche seit der Erweiterung des Namens von zusätzlichen Urlauber*innen profitierte. Diese vermittelte wiederum zum Bayerischen Landesamt für Statistik.

Dessen Kommunalreferat ermutigte mich, am Ball zu bleiben. Schließlich hätten auch die große Kreisstadt Landsberg am Lech oder der Markt Stockstadt am Main ebensolches durchdacht. Vilzhofen im Landkreis Passau gar wurde im November 2004 um Vilzhofen an der Donau ergänzt. Warum also nicht auch zukünftig Zell im Fichtelgebirge?

Wenig später hatte ich das Bayerische Staatsministerium des Innern am Hörer, welche das Bayerische Hauptmünzamt informierte, dass mir schließlich die genauen Entgelte für die im Falle einer Namensergänzung notwendigen neuen Dienstsiegel nannte.

 
 

Foto: Frankenpost vom 27. November 2006

 
 

Fortan wurde in Nordbayern wochenlang heiß in den Medien diskutiert. Die nicht immer sachlich geführte Debatte endete in ausufernden Leserbriefen und einigen wenigen Drohbriefen besorgter Anonymer.

Zum Showdown kam es am 24.November 2006, als ich ein zweites Mal vor dem Gemeinderat vorsprach. Die Überparteiliche Wählergemeinschaft setzte mit ihrem Antrag auf Abstimmung der erneuten Debatte ein Ende. Dem voraus gingen 40 Minuten hitziger Wortbeiträge.

Ein Dutzend, teils wild gestikulierender Gemeinderät*innen am langen Tisch, ein Bürgermeister 'zwischen den Stühlen' und die Presse am anderen Ende. Mit einer Kampfabstimmung unterlagen die Gegner der Namenserweiterung zähneknirschend dem mehrheitlichen Beschluss (54 Prozent). Ich verfolgte das Geschehen ohne Popcorn, aber mit innerer Genugtuung.

Eine Gemeinderätin erntete die Maßregelung des Bürgermeisters. Sie sah nach ihrem Nein keinen Sinn mehr, an der Sitzung teilzunehmen und wollte deshalb den Saal verlassen. Erst der deutliche Hinweis, dass dieses Verhalten gegen die geltende Geschäftsordnung verstoße, hielt sie von ihrem Vorhaben ab.

Meine Initiative bestätigen im März 2007 schließlich 81 Prozent der Bevölkerung im Rahmen einer eigens dafür einberufenen Bürgerversammlung. Damit wurde nach 25 Jahren wieder ein solcher Vorgang im Landkreis eingeleitet. Nach dem Bescheid des Landratsamts Hof trägt Zell seit dem 15. Juli 2007 die Namensergänzung Zell im Fichtelgebirge.

 
 

Foto: Frankenpost vom 29. November 2016

 
 

Nachtrag: Am 29. November 2016 erinnerte die Frankenpost in einem Rückblick an die Initiative. So langwierig die Auseinandersetzung damals war - inzwischen haben sich auch einstige Gegner mit dem Namenszusatz angefreundet. Zu Wort kam unter anderem der aktuelle Bürgermeister: „Der neue Name gehört längst zum Alltag, hat sich etabliert und auch bewährt.“ Zell im Fichtelgebirge sei nun unverwechselbar.

Auch eine 2006 während der abschließenden Sitzung vom damaligen Bürgermeister gemaßregelte Gemeinderätin freundete sich mit dem Zusatz an. Sie sah ein, „dass es gut ist, bei Werbung auf Regionalität zu achten. Das Fichtelgebirge präsentiert sich als Marke und davon wird die Marktgemeinde jetzt automatisch mit erfasst.“ Das sei wichtig, denn Urlauber*innen achteten bei der Wahl ihres Ferienziels zunehmend auf die Merkmale der ganzen Region.

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