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andré puchta
 
 
 

Zivis mit Muskeln auf der Seele

Wenige Monate nach dem Tod meines Vaters leistete ich den Zivildienst in der ihn zuletzt betreuten Pflegeeinrichtung ab. Meine Eindrücke veröffentlichte ich ab September 2001 in einer mehrteiligen Reportage für die Frankenpost sowie einem Autoren-Beitrag für das Zivildienst-Magazin des Bundesamtes für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben.

Aber von vorne: Kaum volljährig, flatterte das Schreiben der Erfassungsbehörde samt Fragebogen zur Musterungsvorbereitung bei mir ein. Das Kreiswehrersatzamt wollte mich sehen. Welch Freude!

Samt eingepackter Badehose, möglichst in schwarz und enganliegend, schleppte ich mich zur automatischen Körpermaß-Erfassung nach Bayreuth. "Die spätere dienstliche Verwendung bei der Bundeswehr ist von der körperlichen und geistigen Befähigung abhängig", sagte man mir.

 
 

Foto: Frankenpost vom 15. September 2001

 
 

Kniebeugen hier, Puls messen da. Coole Spielchen wie 'Wann kommt der Piepston' oder 'Welcher Kreis ist nicht geschlossen'. Bereits im Vorfeld der Musterung hatten mich private und berufliche Gründe dazu bewogen, aus Gewissensgründen meine Anerkennung als Kriegsdienstverweigerer zu beantragen.

Mit dem Zivildienst begann für mich eine wichtige und bewegende Phase, machte ich doch urplötzlich Erfahrungen, die mir zwangsläufig einen extremen Reifeprozess abverlangten. An Ostersonntag, Festtag der Auferstehung Jesu Christi, starb mein Vater im April 2000 im Alter von 59 Jahren nach schwerer Krankheit. Ein gutes Jahr später leistete ich meinen Wehrersatzdienst (was für ein Wort) in der ihn zuletzt betreuten Pflegeeinrichtung ab.

Oftmals klingelte der morgendliche Wecker noch vor fünf Uhr. Dann hieß es raus aus den Federn und zur Ganzwäsche ab zu den Senioren. Jede*r Bewohner*in ließ mich anders ins Grübeln geraten, sei es dadurch, die Prothese korrekt anzulegen (welches Teil war da noch mal die obere Seite?), Kontaktlinsen einzusetzen (nichts für zittrige Hände) oder den aufgeladenen, elektrischen Rollstuhl gekonnt abzuschließen. Ans Herz gewachsen waren sie mir nach und nach alle.

 
 

Foto: Frankenpost vom 20. September 2001

 
 

Langsam aber sicher gewöhnte ich mich an die wechselnden Arbeitszeiten in meiner Dienststelle. Wenn ich den Aufenthaltsraum mit Girlanden zum Fasching dekorierte oder Heiligabend auf der Station verbrachte, wurde ich mit einem ehrlich lächelnden Blick belohnt. Ich sah nun vieles mit anderen Augen. Zivis haben Muskeln auf der Seele. Ich machte neue Erfahrungen – Grenzerfahrungen - und verarbeitete die Eindrücke nach Feierabend.

Viele Leute haben eher eine Abneigung als Respekt vor diesem Job. Alte Leute müssen nicht zwingend nervig sein. Von Zeit zu Zeit dachte ich an meinen Vater zurück, der auf der benachbarten Pflegestation verstarb. An mir selbst erlebte ich einen Prozess der Weiterentwicklung. In meinem Reden, Denken und Handeln gegenüber anderen Menschen wurde ich selbständiger und bedachter. Bis heute.

Du hast Fragen, Wünsche, Anregungen oder konstruktive Kritik? Dann schreib mir eine E-Mail.

 
 
 
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